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15.04.2011  09:00 Uhr

Stephan Rahn, 3M
3M: Kreative Unruhe fördert Innovationen

Das amerikanische Wirtschaftsmagazin Fortune hat vor wenigen Tagen eine Liste der innovativsten Unternehmen der Welt veröffentlicht. In dem aktuellen Ranking liegt der Multi-Technologiekonzern 3M erneut unter den Top Ten und erst vor kurzem wurde 3M als "Deutschlands Beste Arbeitgeber 2011" ausgezeichnet. Was macht die Innovationskraft von 3M aus?

Ein Interview von Elita Wiegand mit Stephan Rahn, Manager Corporate Innovation Marketing, 3M Deutschland

3M wurde vor kurzem erneut als bester Arbeitgeber Deutschlands ausgezeichnet. Was bedeutet eine solche Auszeichnung für Sie persönlich?

Stephan Rahn: Ich freue mich sehr über diese Auszeichnung, weil sie zeigt, dass die Kultur in unserem Unternehmen bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern "ankommt". Sie sind stolz darauf, in diesem Unternehmen zu arbeiten, weil sie hier eine Atmosphäre finden, die Wertschätzung und persönliche Entfaltung, aber auch wirtschaftliche Sicherheit bietet.

Alle reden von Innovationen, aber welche Voraussetzungen müssen eigentlich geschaffen sein, um innovative Produkte zu entwickeln?

Stephan Rahn: Unsere "Erfolgsformel" für Innovationskraft zeigt die drei wichtigsten Stellschrauben für Innovationen:
"Wissen" - nur wer in der Lage ist, seine technologischen Kompetenzen auf konkrete Marktchancen zu bündeln, kann Innovationen hervorbringen. Absolute Kenntnis der Kunden, der Märkte und zukünftiger Trends ist dabei das A und O.
"Können". Langfristig innovativ und erfolgreich kann nur sein, wer schnell erfolgversprechende Produkte entwickeln und vermarkten kann. Dazu ist ein klares Management des Innovationsprozesses notwendig - alle Innovationsprojekte, die später nicht mit hoher Zuverlässigkeit vom Markt und den Kunden akzeptiert werden, müssen schnell eingestellt werden. Wir müssen uns voll auf jene Entwicklungsprojekte konzentrieren, die mit hoher Wahrscheinlichkeit später wirtschaftlich erfolgreich sein werden.
"Wollen" - Innovativ kann ein Unternehmen nur sein, wenn alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Neuerungsdrang spüren: Nie auf Erreichtem ausruhen - sondern immer nach der Verbesserung suchen. Das benötigt eine Atmosphäre, eine Kultur, die genau diesen Innovationsdrang dauerhaft stärkt - eine Atmosphäre "kreativer Unruhe". 

Welche Rolle spielt dabei das Management?

Stephan Rahn: Es hat eine entscheidende Rolle: Nur wenn das Management die innovationsfördernde Kultur auch glaubhaft Tag für Tag vorlebt, kann sie ihre Wirkung entfalten. Dazu gehören auch Zuverlässigkeit, Toleranz und Vorleben ethischer Standards.

Oft hat man den Eindruck, dass wir in Deutschland so satt sind, dass den Unternehmen nichts mehr Bahnbrechendes einfällt. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Stephan Rahn: Es entsteht zweifellos sehr schnell der Eindruck, dass wir angesichts des enormen Wachstums z.B. in Indien oder China Gefahr laufen, den Anschluss zu verlieren. Tatsächlich aber glaube ich, dass wir in Deutschland einzigartige Chancen für Innovationen besitzen: Eine enorme technologische Kompetenz und eine hervorragende Forschungslandschaft. Dies ist ein entscheidender Nährboden für Innovationen. Wir müssen aber sicher entschiedener und schneller handeln, um dieses Potential auch zu nutzen. Wir brauchen mehr Risikobereitschaft, weniger Formalismus, mehr Unternehmertum. 

Vermutlich würden gerne viele Unternehmen die Innovationskraft von 3M kopieren. Welche Rezepte empfehlen Sie?

Stephan Rahn: Ein Patentrezept im klassischen Sinne kann es nicht geben. Die Kultur von 3M hatte die Möglichkeit über viele Jahrzehnte zu wachsen. Ebenso ist die breite technologische Kompetenz unseres Unternehmens - basierend auf 45 Technologien - nicht über Nacht entstanden. Ich glaube, dass alleine das ernsthafte Bemühen, Innovationschancen zu erkennen und dann konsequent nach vorne zu treiben den Innovationsmotor in Gang setzen kann. Dieses Bemühen muss aber alle Mitarbeiter einbeziehen und nicht nur die F&E Abteilung. Wenn alle Talente und all die Kreativität der Mitarbeiter genutzt wird, ist die wohl wichtigste Voraussetzung für Innovationen geschaffen. Dabei darf es allerdings nicht bei kurzatmigen Innovations-Initiativen bleiben. 

Was passiert eigentlich in den 3M Demo-Labs?

Stephan Rahn: In unseren Demo-Labs erleben unsere Kunden Produkte und Technologien im realen Anwendungs-Kontext. So arbeiten zum Beispiel in unserem Schleifmittellabor die Kunden mit modernsten Schleifprodukten. Nur bei diesem realen Erfahren von Produkten können wir ermitteln, welche Produkteigenschaften weiter verbessert werden müssten, damit sie die Kundenanforderungen nicht nur zu 90% sondern zu 100% erfüllen. Dieses Kundenfeedback in den Demo-Labs ist die ehrlichste und wichtigste Grundlage für Produktverbesserungen und Innovationen.

Junge Leute flüchten oft aus Konzeren oder bewerben sich gar nicht erst in großen Unternehmen, weil sie die starren, hierarischen Strukturen fürchten. Wie müssen Arbeitsplätze der Zukunft aussehen?

Stephan Rahn: Die Größe der Unternehmen ist nicht immer gleichbedeutend mit hierarchischen, starren Strukturen. Große Unternehmen bieten viele persönliche Entfaltungsmöglichkeiten, Sicherheit und häufig erst die Möglichkeit für Freiraum und Experimentieren. Wenn diese Vorteile konsequent genutzt werden, entstehen auch in großen Unternehmen viele Keimzellen für Innovationen. Unabhängig von der Unternehmensgröße müssen Arbeitsplätze in Zukunft noch stärker die Rahmenbedingungen für Innovationen bieten: Mehr Vernetzungsmöglichkeiten, mehr kreative Freiräume, bessere Nutzung der individuellen Talente und Stärken, und das alles unterstützt von einer modernen Work-Life-Balance.

3M unterstützt weltweit Startups ein. Was verbirgt sich dahinter?

Stephan Rahn: Wir haben zu diesem Zweck eigens eine weltweit operierende Organisation gegründet: Die 3M New Ventures. Unabhängig vom Tagesgeschäft identifiziert dieses Team start-ups, die für 3M strategisch wichtig sein könnten - sei es durch spannende, neue Technologien, neue Geschäftsmodelle oder vielversprechende Zukunftsmärkte. 

Wie beschleuinigt 3M die Entwicklung von Produkten bis zur Marktreife und welchen Stellenwert hat Open Innovation für 3M?

Stephan Rahn: Die wichtigste Voraussetzung für diese Beschleunigung ist Priorisierung. Wenn zu viele Ideen und Projekte durch den Innovationsprozess "geschleust" werden, wird der Prozess zu langsam und die Gefahr des Scheiterns von Innovationen steigt. Wir versuchen deshalb, in den frühen Phasen des Innovationsprozesses so stark wie möglich zu filtern. Die Entwickler sollen ihre ganze Kraft den Projekten widmen, die eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit haben.
Der spätere Produkterfolg wird ausschließlich durch die Kunden definiert, denn sie sollen von den innovativen Vorteilen des neuen Produktes überzeugt sein. Also ist es sehr sinnvoll, sehr früh den Innovationsprozess für Kunden zu öffnen und durch ständiges Feedback das Produktkonzept zu optimieren. In diesem Sinne geht bei 3M ohne Open Innovation nichts. 

Sie sprechen von Leidenschaft als Antriebsfeder für Innovationen. Doch wie entsteht Leidenschaft in den Köpfen der Mitarbeiter?

Stephan Rahn: In jedem Menschen steckt Leidenschaft. Wir haben allerdings oft verlernt, diese Leidenschaft auch in täglichen Job einzubringen. Aber genau dort ist es wichtig, sich begeistern zu können und für eine Idee mit Herzblut zu kämpfen.
Genau das müssen wir den Mitarbeitern vermitteln und sie ermutigen, leidenschaftlich Projekte anzugehen. 

Sie sind Chef und dazu zählt bei 3M auch, dass Sie Mut beweisen. Was ist damit gemeint, wenn sich 3M Mut und Risikobereitschaft auf die Fahnen schreibt?

BUCHEMPFEHLUNG:

Stephan Rahn: Jede Innovation ist mit Risiken verbunden. Ohne Mut kann es nicht zu Innovationen kommen. Jeder erfolgreiche Unternehmer erkennt Marktchancen und geht dann aber auch mutig nach vorne. Wir können folglich die viel beschworene Forderung nach "Unternehmern im Unternehmen" nur dann erreichen, wenn wir Mut und Risikobereitschaft aller Mitarbeiter dauerhaft fordern und fördern. 

Jeder Mitarbeiter bei 3M erhält öfter mal eine Mail von George. Verraten Sie uns, was es mit der Mail von George auf sich hat?

Stephan Rahn: Die "Mail from George" ist ein kleines, aber sehr gutes Beispiel dafür, wie bestimmt Signale eine Kultur in den Alltag bringen. Unser Vorstandsvorsitzender, Dr. George Buckley, schreibt mehrmals im Jahr alle 80.000 3M Mitarbeiter an. Er schildert die aktuelle Situation des Konzerns, wichtige Perspektiven und seine ganz persönliche Einschätzung. Und das, erkennbar persönlich mit seinen eigenen Worten formuliert - eben ohne die Perfektion einer PR-Abteilung. Dass diesen Brief alle Mitarbeiter erhalten ist gut und wichtig. Denn nur so fühlt sich jeder Mitarbeiter - egal ob Lagerarbeiter oder Manager - als wichtiger Teil des Unternehmens. Und genau das motiviert. 

Wann haben Sie das letzte Mal einen Fehler gemacht und wie reagiert bei man bei 3M darauf?

Stephan Rahn: Das ist noch nicht lange her - auch ich mache viele Fehler - das ist menschlich. Und gut so. Denn nur aus gemachten Fehlern können wir lernen und uns ständig verbessern. Wer Angst vor Fehlern hat, agiert immer defensiv - die Chancen für Innovationen, die immer auch mit Risiko verbunden sind, können dann nicht ergriffen werden. Fehlertoleranz ist also eine wichtige Voraussetzung für Innovationen. Bei 3M spüren wir keine Angst vor Fehlern. Und das hat lange Tradition: Bereits in den 40-er Jahren hat unser Vorstandsvorsitzender gesagt: "Mir ist es zehnmal lieber, ein Mitarbeiter entschuldigt sich für einen gemachten Fehler, als vorher um Erlaubnis zu fragen" Genau diese gelebte Haltung ist wichtig, wenn wir Mitarbeiter haben wollen , die eher "Erfolgssucher" statt "Mißerfolgsmeider" sind. 

Was reizt Sie besonders bei 3M zu arbeiten?

Stephan Rahn: Mich inspiriert zum einen die enorme Vielfalt dieses Unternehmens - 52.000 Produkte, 45 Technologien und viele, viele Märkte, die wir bedienen. Das schafft Tag für Tag Abwechslung und immer wieder neue Herausforderungen. Zum anderen spüre ich die ganz besondere Arbeitsatmosphäre: Das Vertrauen, das in jeden Mitarbeiter gesetzt wird, die Toleranz und die Freiheit, die Dinge zu tun, die ich für wichtig halte.

Über 3M

3M beherrscht die Kunst, zündende Ideen in Tausende von einfallsreichen Produkten umzusetzen – kurz: ein Innovationsunternehmen, welches ständig Neues erfindet. Die einzigartige Kultur der kreativen Zusammenarbeit stellt eine unerschöpfliche Quelle für leistungsstarke Technologien dar, die das Leben besser machen. Bei einem Umsatz von rund 27 Mrd. US-Dollar beschäftigt 3M weltweit etwa 80.000 Menschen und hat Niederlassungen in mehr als 65 Ländern.


 

(Elita Wiegand)

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Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Stephan Rahn
Bild Nr. 2 © 3M

 

 


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