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28.06.2011  08:55 Uhr

CREATIVE.NRW
Die kreativen Wilden

Was verbirgt sich eigentlich hinter der Marke CREATIVE.NRW? Das Clustermanagement will die Wirtschaftskraft der Kreativbranchen in NRW national und international sichtbar machen. Stefanie Gnörich interviewte Werner Lippert, Clustermanager der Kultur- und Kreativwirtschaft in Nordrhein-Westfalen.

Der amerikanische Professor Richard Florida hat die Wirtschaftstheorie der kreativen Klasse entwickelt, die besagt, dass die kreativen Köpfe einer Gesellschaft für Innovationen und Wachstum entscheidend sind. Was hat die kreative Klasse mit der Kreativwirtschaft in Nordrhein-Westfalen zu tun?

Werner Lippert: Der Begriff der kreativen Klasse von Richard Florida umfasst Menschen, die eher geistig arbeiten, wie zum Beispiel Frisöre, Gärtner oder Rechtsanwälte. Hier in NRW reden wir über die Kultur- und Kreativwirtschaft. Und das umfasst ganz im engen Sinne Architekten, Buchverlage, Musiker, Künstler, Werbeleute, Modedesigner, Produktdesigner, Grafikdesigner etc. Durch Untersuchungen wissen wir, dass die Wirtschaft in NRW enorm davon profitiert und für Wachstum und für die Qualität eines Standortes sorgt.

Inwieweit erkennen Unternehmen, dass sie ohne die „kreativen Wilden“ nicht mehr weiter kommen?

Werner Lippert: Es gibt Firmen wie Hans Grohe, die sich via Design einen Namen gemacht haben. Dieses Unternehmen sagt von sich, dass 50 Porzent ihres Business von Kreativen kommt. Denn mit Design sind sie auf dem Weltmarkt führend.

Kommt bei neuen Produkten mittlerweile Design vor Funktionalität?

Werner Lippert: Design IST Funktionalität! Wenn man sich zum Beispiel Apple anschaut, wird hier Software in Design verpackt. Darüber hinaus machen wir gerade die interessante Erfahrung, dass Kreative auch im sozialen Bereich zu  maßgeblichen Veränderungen beitragen. Bestes Beispiel ist eine Designerin, die in Krankenhäusern  alle Prozesse analysiert und die Qualität optimiert. Der Erfolg: Die Patienten fühlen sich wohler, werden schneller gesund und  gehen glücklich nach Hause. Das zeigt, dass heute Designer nicht nur Kaffeetassen oder Autos gestalten, sondern auch Prozesse erheblich verbessern. 

Haben Designer immer mehr die Aufgabe, ihr Design ganzheitlich zu sehen?

Werner Lippert: Wir haben gerade ein großes Projekt mit dem Art Directors Club gestartet, dass sich mit den Schwerpunkten  „ESSEN.LIEBE.ARBEIT  befasst. Dazu  haben wir die Hochschulen in ganz Deutschland aufgefordert, dass junge Designer und Studenten sich Prozessen und Problemen annehmen, die nicht vordergründig Designorientiert sind. Wir wollen zeigen, dass man durch ganz kleine Ideen, große Wirkung entfalten oder auch gesellschaftliche Prozesse in Bewegung setzt. Die Ergebnisse von ESSEN.LIEBE.ARBEIT werden im November dieses Jahres präsentiert.

Welche Bedeutung hat denn eigentlich die Kreativwirtschaft für NRW?

Werner Lippert: NRW war einmal ein Industriestandort. Heute arbeiten in der Kreativbranche etwa 150.000 Menschen, die 36 Milliarden pro Jahr erwirtschaften. Die Kreativen erwirtschaften hier also das  Bruttosozialprodukt der Automobilbranche. Das bedeutet, dass in den großen, innovativen Unternehmen sehr viel kreatives Potenzial steckt. Allerdings muss man den Kreativen diese Zahlen erst einmal bewusst machen und ihnen zeigen, wie enorm wichtig sie als Teil dieser Wirtschaftsbranche sind. Die Wirtschaftspower von 150.000 Kreativen in NRW muss man bündeln und zusammenführen. Darin sehen wir die wichtigste Aufgabe.

Der Schauspieler und Ökonom Christoph Backes sagt, die Kreativen bekommen die Grätsche zwischen „kreativ sein“ und „sich verkaufen müssen“ nicht hin. Darüber hinaus machen viele Kreative bei Banken die Erfahrung, dass sie einfach nicht unterstützt werden. Wie kann man daran arbeiten und etwas verändern?

Werner Lippert: Unser Traum ist, dass die Kreativen während Ihres Studiums ein Semester BWL studieren.  Das ist noch nicht alles. Wir glauben, man muss genauso gut allen die Bankwesen studieren auch mal erzählen, was die Kreativen überhaupt für Bedürfnisse, haben. Wenn Sie heute mit einem Patent zur Bank gehen, werden sie gefördert. Wenn sie aber mit einer superkreativen Idee ankommen, passiert meist nicht viel. Das muss man ändern. Darüber hinaus ist es extrem wichtig, den WERT von kreativen Leistungen zu bewerten. Da arbeiten wir mit der Politik zusammen. Die meisten denken: „Ich mache eine Ausschreibung, die Kreativen können ihre Ideen einreichen, viel zahlen muss ich ja nicht dafür“. An diesem Denken muss man auf beiden Seiten arbeiten!  Sprich, die Kreativen müssen auch lernen, Forderungen zu stellen und für den Wert einer Idee ein angemessenes Honorar zu fordern. 

creative. NRW, Copyright: CREATIVE. NRW
creative. NRW

Wir wird dieses Problem seitens Creative.NRW angegangen?

Werner Lippert: Wir haben erstmalig in NRW einen Kreativlotsen benannt, der dafür zuständig ist, Kreative und Ihre Vorhaben zu betreuen und zu beraten. Er gibt zum Beispiel Auskunft darüber, welche Fördertöpfe man anzapfen kann. Er fungiert demnach als Schnittstelle zwischen den Kreativen und der Politik. Darüber hinaus kooperieren wir mit der NRW.Bank in Bezug auf Auslandsberatung. Ein weiteres Projekt ist unsere Unternehmensreise nach London zur Messe „100% Design“. Dort wird ein Matchmaking zwischen Designern und potentiellen Abnehmern organisiert.

Wo sehen Sie die Chancen für die Wirtschaft in NRW? Worin besteht die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit für NRW?

Werner Lippert: NRW war im Bereich Kreativwirtschaft immer schon führend. Das Land hat 2007 den ersten Kreativwirtschaftsbericht veröffentlicht. Damals wurde zum ersten Mal die Kreativwirtschaft mit Zahlen belegt.

Zusätzlich haben wir den Bericht „Innovationsökologien“ heraus gebracht. Dieser fordert zum Umdenken auf. Er besagt, dass wir aus unserem Kreativpotenzial auch zu ganz neuen sozialen Ideen kommen müssen, die den gesellschaftlichen Wandel darstellen. Die Landesregierung setzt zudem sehr stark auf Lösungen im Bereich des Klimawandels, und der Ressourceneffizienz etc. Das sind große Zukunftsmärkte, die noch lange nicht ausgeschöpt sind. 

Worin sehen Sie weitere Zukunftsmärkte für das Land und die Kreativen?

Werner Lippert: Wirtschaftsminister Voigtsberger hat uns zuletzt aufgefordert zum Thema „Klimawandel und Ressourceneffizienz“ einen Kreativworkshop zu machen. Daraus sollen Empfehlungen für die Landesregierung entstehen.

Das ist für uns interessant, weil die Kreativen ganz andere Lösungen sehen. Wir beschäftigen uns mit Fragen „Wie kann ich Menschen motivieren, ressourcenschonend mit unserer Umwelt umzugehen? Wie muss ich politische Prozesse verändern? Was sind Anreize für Menschen?“

Kann die Kreativwirtschaft auch Werte verändern?

Werner Lippert: Die Kreativwirtschaft kann Werte neu definieren. Zum Beispiel „Open Spaces“. Das sind Räume, die von vielen Menschen temporär genutzt werden. Wo alle über alle Maschinen verfügen können. Ich glaube, man muss nur ganz genau hinschauen, dann sieht man, dass die Kreativen in der Lage sind, unkonventionell zu denken. Und weil sie  nicht nur finanziell orientiert sind, kann es zu ganz neuen Lösungen zu kommen.

Wir merken, dass man mit normalen, traditionellen Systemen wie zum Beispiel Geldanreiz nicht mehr unbedingt weiter kommt. Die Menschen wollen was ganz anderes. Sie wollen Sicherheit, Perspektiven, teilhaben an politischen Prozessen. Das setzt auch ein geändertes Denken voraus.

Wie sehen denn die nächsten Steps aus, um wirtschaftliche Potenziale der Kultur- und Kreativwirtschaft noch weiter zu fördern?

Werner Lippert: Ganz wichtig ist die Sichtbarmachung der kreativen Wirtschaftsleistung. Weil das den Kreativen selber noch nicht so deutlich ist und nach draußen ebenso wenig. Man muss zeigen, dass Kreative auch Geld erwirtschaften. Es ist für uns wichtig, zu verdeutlichen, dass die Kreativwirtschaft zum Erfolg von Kommunen, von Landstrichen, von Regierungsbezirken und natürlich vom ganzen Land erheblich beitragen kann.

Was genau ist Ihre Aufgabe als Clustermanager?

Werner Lippert: Wir initiieren viel, wir helfen und beraten. Wir verfügen selber über keine Töpfe. Aber wir tragen die Anliegen der Kreativwirtschaft in die Politik. Wir versuchen Prozesse in Gang zu bringen, in Bewegung zu halten. Wir haben sehr stark die Aufgabe der Identitätsstiftung, nach innen wie nach außen.


 

(Stefanie Gnörich)

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Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Werner Lippert, Clustermanager NRW
Bild Nr. 2 © CREATIVE. NRW

 

 


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