www.innovativ-in.de - Freitag, 03. September 2010


Bernhard Paul
Roncalli-Chef

Ein Interview von Elita Wiegand

Vor Ihrer ersten Premiere am 18. Mai 1976 in Bonn haben Sie gesagt, dass Roncalli den Menschen das Lachen, Staunen und Weinen ermöglicht. Seitdem haben mehr als zwölf Millionen Zuschauer in der Manege gesessen und haben sich von Ihnen, den Artisten und Clowns verzaubern lassen. Sie erreichen Menschen auf der Gefühlsebene - Ihr Erfolg?

"Wir verzaubern mit Emotionen, Nostalgie und Poesie und die Menschen suchen bei uns ein Stück heile Welt. Mein Herz hängt an dem Circus und ich stehe hinter dem, was ich mache, deshalb ist Roncalli eine Gesamtinszenierung.

Wenn Sie zu uns kommen, spüren Sie, dass alles stimmt: Die Musik, die Farben und die Kostüme. Wenn ich in einen Circus gehe, will ich die Farben Rot und Gold sehen, das sind Theaterfarben, Samt gehört dazu, eine warme Beleuchtung. Wir achten auf jedes Detail und sind damit authentisch. Es gibt eine ganz einfache Formel: AlIes was man liebt, wird geliebt. Die Zuschauer spüren die Liebe. Das ist der Erfolg von Roncalli."


Sie treten als Clown Zippo auf und Sie halten seit kurzem Vorträge vor Managern. Was können Führungskräfte vor einem Circusdirektor lernen?

"Neulich war ich bei DaimlerCrysler und habe den Managern etwas über die Philosophie des Verkaufens erzählt. Die haben bei meinem Vortrag herzlich gelacht. Ich bedaure Wirtschaftsbosse, weil sie geplagte Wesen sind. Im Business dreht sich alles nur um Statistiken, Umsatz, Rendite, Gewinn, Shareholder Value. Die Wirtschaft muss einfach wieder lernen, dass Zahlen nicht alles sind. Warum gehen Konzerne kaputt? Weil die keinen Sinn haben, keine Philosophie. Die haben vergessen, dass Menschen in Firmen arbeiten. Menschen sind keine chemischen Formeln. Menschen haben Gefühle, eine Seele, und das wird in den meisten Firmen nicht berücksichtigt."

Während viele Circusbetriebe ums Überleben kämpfen, geht es Roncalli wirtschaftlich gut. Das Zusatzgeschäft mit Merchandising Produkten wie CDs, Bücher, Ansteckern, Parfüm oder Kaffeetassen läuft hervorragend. Sie verdienen viel Geld. Dennoch kritisieren Sie die Geldgeilheit in der Gesellschaft.

"Geld interessiert mich nicht. Als ich vor 25 Jahren mit Roncalli angefangen habe, hatte ich keinen Pfennig, aber ich hatte eine Vision. Ich wollte schon als fünfjähriger Junge Clown werden und weil mir kein Circus gefiel, habe ich mir meinen eigenen Zirkus aufgebaut. Roncalli ist noch schöner geworden, als ich ihn mir je vorgestellt habe. Damals haben mich viele Leute für verrückt erklärt, haben mich gewarnt und mir gesagt: "Ein Circus, in der heutigen Zeit, das wird nie funktionieren!“ Meine Vision aber hatte eine ungeheure Kraft. Ich sage immer: "Wenn man auf Geld schaut, läuft es weg. Wenn man Geld nicht beachtet, kommt es." Glauben Sie, dass John Lennon als reichster Mann auf dem Friedhof von New York begraben liegen wollte? Nein, John Lennon hatte einen Traum: Er wollte unbedingt Musiker werden. Oder Picasso? Glauben Sie, der hat gemalt, um Geld zu verdienen?
Wenn ich mir zum Beispiel Banken anschaue: Banken sind Institutionen, bei der man nachweisen muss, dass man genug Geld hat, um Geld zu bekommen.
Wenn ich eine gute Idee habe oder eine Vision habe, wird das nicht unterstützt. Banken wollen wissen, ob ich soviel Geld habe, dass ich eigentlich von denen keins brauche. Die Einstellung von Banken und überhaupt die Einstellung zu Geld ist in unserer Gesellschaft völlig bescheuert.
Die meisten Menschen arbeiten wie die Geisteskranken, damit sie sich Luxus leisten können. Menschen erfüllen sich ihre Träume nicht und wundern sich, dass sie ein unerfülltes Leben führen und dem Geld hinterher jagen. Dann haben sie endlich das teuere Auto, bewegen sich aber nicht mehr. Die gehen dann in ein Fitnessstudio. Dort treten sie in einem schlecht belüfteten Raum auf einem Fahrrad auf der Stelle. Ist doch unsinnig, warum fahren die nicht direkt mit dem Fahrrad zur Arbeit?"

Sie beklagen, dass die Lebensqualität immer mehr verloren geht und haben kürzlich gesagt, dass Sie den ganzen "Zeitgeistmist" hassen. Was meinen Sie damit konkret?

"Alle reden von Globalisierung, das heißt doch nichts anderes, als alles gleich machen und zwar auf amerikanischem Niveau. Überall sehen die Innenstädte gleich aus, ein Einheitsbrei, die gleichen Filialen, überall Mc Donalds, H&M, Douglas und der ganze Mist. Man muss sich nur diese öden Tempel wie Prada, Armani oder Gucci mal bewusst anschauen. Granit, eine Tür, die eigentlich keine Tür ist, sondern ein Stück Glas. Wenn man eintritt, stehen auf einer Glasplatte, die von unten beleuchtet ist, fünf paar Schuhe. Darunter liegen gewaschene Kieselsteine. Man sieht keine Waren, sondern nur eine gelangweilte Verkäuferin. In solchen Geschäften habe ich keinen Bock, zu kaufen. Diese Geschäfte sind kalt. Ich sehe in diesen Läden aber auch nie Kundschaft. Und wenn ich in Paris, Frankfurt oder Rom bin, sind da die gleichen langweiligen Prada, Gucci oder Armani Shops. Und überall sind keine Kunden. Was soll das? Wer will diesen Quatsch? Der Kunde will eine Inszenierung, ein Erlebnis. In Mailand zum Beispiel gibt es einen ganz berühmten Feinkostladen. Das Geschäft ist wie ein kleines Paradies. Da werden die Früchte nach Farben platziert, werden Apfelpyramiden gebaut, es ist ein Augenschmaus. Da gibt es eine Espresso-Bar und man kann von allem kosten und probieren. Es ist göttlich. Da ist Leben, Lachen, Lust, Freude. Die Menschen genießen das Leben und quatschen miteinander."

Sie träumen von nostalgischen Tante-Emma-Läden, wünschen sich Geschäfte wie Theaterinszenierungen, sind Bewahrer. Was vermissen Sie?

"Ich gehe in Geschäfte und die Verkäufer behandeln mich wie Scheiße. Das war früher anders. Ich vermisse zum Beispiel Schuhmacher. Früher konnte man beim Schuhmacherei das Leder aussuchen, daran riechen und es befühlen. Der Handwerker hat die Leisten angepasst und ein individuelles Produkt für den Kunden gefertigt. Der Schuhmacher war stolz auf seine Leistung, weil er etwas geschaffen hat. Heute braucht man dauernd neue Schuhe, weil die aus Plastik hergestellt werden. Ich vermisse gute Friseure. Inzwischen wird man beim Friseur wie ein Ausstellungsstück behandelt. Da sitzt man in einem riesigen Fenster bei Neonlicht und gibt sich den Passanten Preis. Ein Friseurbesuch ist ein intimer Akt, deshalb wünsche mir eine Kabine oder zumindest einen Bereich, wo nicht alle zugucken, wie mir der Friseur die Haare schneidet."

Sie stört die Amerikanisierung der Gesellschaft. Als gebürtiger Österreicher, muss es doch für Sie ein Schlag ins Gesicht sein, dass die amerikanische Coffeeshopkette Starbucks mit in Ihrer Heimat verteten ist ?

"Ich kenne und ich liebe die Wiener Kaffeehäuser. Dort, wo das Kaffeehaus erfunden wurde, kommt der amerikanische Scheiß hin. Starbucks in Wien, das ist für mich ein Albtraum! Starbucks hat an einem besonders guten Standort ein Lokal gemietet und wie ich erfahren habe, zahlen die 30.000 Euro Miete im Monat. 30.000 Euro! Mit Kaffee kann man nie den Umsatz machen, um die 30.000 Euro zu erwirtschaften. Starbucks will die alten Kaffeehäuser verdrängen, koste es, was es wolle. Die planen in Wien weitere 60 Coffeeshops. Da wird der Kaffee in Plastikbechern serviert. Das müsste man einfach verbieten und Kunden müssten das boykottieren."

"Jeder Tag an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag." Dieses Zitat von Charlie Chaplin haben Sie in Ihrem Düsseldorfer Varieté Theater Apollo am Zuschauereingang verewigt. Wollen Sie damit daran erinnern, dass die Menschen mehr lächeln?

"Wenn ich durch die Stadt geht, sehe ich fast nur lange Gesichter. Den Deutschen geht es gut, aber trotzdem sind alle mies drauf. Ich sage meinen Mitarbeitern immer wieder, dass nicht ich sie bezahle, sondern das Publikum. Die Freundlichkeit zählt, ein Lächeln kann Menschen verzaubern. Mir geht das Jammern auf die Nerven. Jeder ist für sein Glück verantwortlich, aber die Leute haben verlernt, Eigeninitiative zu ergreifen und Verantwortung zu übernehmen. Jeder kann etwas bewegen und was tun. Ich habe es bewiesen, dass jeder Einzelne mit Liebe und Engagement die Welt ein bisschen besser machen kann."

Sie träumen von einer Stadt der Zukunft, einer Stadt des Lächelns. Die Pläne dazu haben Sie bereits in der Schublade. Wie sieht die Stadt des Lächelns aus?

"Ich möchte eine Stadt bauen, in der noch Wunder passieren. Dafür habe ich in den letzten Jahren überall alte Geschäfte und 60 Kaufläden zerlegen lassen. Die meisten davon sind schon restauriert. Da gibt eine alte Metzgerei, einen Friseurladen, eine Wiener Konditorei, die mit C geschrieben wird, ein Parfumgeschäft, wo sich die Kunden ihre Parfums selbst mischen können, ein Kaffeehaus mit selbst geröstetem Kaffee, Künstler Werkstätten und Handwerksbetriebe. In den Kölner Lagerhallen stehen Litfasssäulen, Lampen, alte Kassen, Tresen und Gaslaternen. Etwa 500 Menschen werden in der Stadt der Zukunft leben, keine Autos, kein Plastik, kein Fastfood. Der Finanzplan steht, ich kenne auch schon den Ort, wo die Stadt des Lächelns sein könnte. Jetzt fehlen nur noch die Investoren, damit der "Boulevard of broken dreams" Wirklichkeit wird."








Circus Roncalli
Neurather Weg 7
51063 Köln

e-Mail: circus@roncalli.de

www.roncalli.de


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