www.innovativ-in.de - Freitag, 03. September 2010


Stephan Grünewald
Autor, Diplom-Psychologe,
Geschäftsführer von rheingold








Diplom-Psychologe
Geschäftsführer von rheingold
Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen





Stephan Grünewald ist einer der beiden Gründer von rheingold. 1987 setzte er zusammen mit Jens Lönneker die Idee um, ein Institut für qualitative Markt- und Wirkungsanalysen zu etablieren, welches 1997 zu rheingold Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen umbenannt wurde. Grünewald wurde am 8. November 1960 geboren und studierte Psychologie an der Universität Köln. Ein Schwerpunkt seines Studiums lag dabei in der psychologischen Morphologie bei Prof. Wilhelm Salber.
Der rheingold-Geschäftsführer ist zusätzlich ausgebildeter Therapeut in analytischer Intensivbehandlung. Er hat seit 1990 zahlreiche Fachbeiträge und Studien zu den Themen Markenführung, Werbewirkung, Lebensalltag, Jugend und Kultur in Printmedien aber auch in TV- und Hörfunkbeiträgen veröffentlicht. Zu den Schwerpunkten seiner Arbeit zählt die Trendforschung, bei der er sich jüngst zum Beispiel mit dem aktuellen Männerbild und der jungen Generation befasste.
Zu den privaten Vorlieben des Familienvaters gehört neben dem Fußball die klassische Musik – er selbst spielt begeistert Klavier.


Ein Interview von Elita Wiegand

Sie haben in den letzten Jahren 20.000 Menschen auf die Couch gelegt und Tiefeninterviews geführt. Was haben Sie erfahren?

Die Interviews des Rheingold Instituts laufen fast wie bei einem Psychoanalytiker ab. Wir erfahren viel über die Hoffnungen, Sehnsüchte, Ängste, Erinnerungen und Erlebnisse von Alltagsprozessen der Menschen. Ob der Umgang mit Medien, das Rollenverhalten von Mann und Frau, Sex oder Konsumverhalten - wir gewinnen daraus Erkenntnisse.

Ihr Buch handelt auch von der Sinnkrise in unserer Gesellschaft. Was ist in Deutschland los?

In den satten neunziger Jahren haben wir uns ein Idealbild vom Leben aufgebaut, ein Leben fast wie im Paradies. Und wir sind diesen Glücksverheißungen gefolgt: Der Traum von der ewigen Jugend, Vitalität, Karriere, Urlaube, materielle Sicherheit und eine aktive Freizeitgestaltung. Wir halten immer noch an diesem Traum fest, der uns vorgaukelt, dass wir alles erreichen können, was wir uns vorstellen.

Was ist daran so schlimm?

Wir möchten immer glücklich sein, aber das Leben birgt Höhen und Tiefen in sich. Dazu gehört Schmerz, Altern und der Tod. Wir haben in den letzten Jahren unsere Leidenschaft und Sinnlichkeit verloren.

Aber Glück ist doch erstrebenswert...

Nehmen wir doch mal als Paradebeispiel die amerikanische Serie "Sex and the City." Sie zeigt den Aufwand, den wir für die Suche nach Glück betreiben. Da lässt man sich alle Spielmöglichkeiten offen. Man findet immer einen neuen Partner, an dem man aber wieder etwas auszusetzen hat. Das geht solange, bis man merkt, dass man immer noch keinen Partner hat oder keinen findet, weil man zu alt ist.

Aber die Serie "Sex and the City" finden viele cool. Wo ist das Problem?

Wir glauben immer noch an das Paradies. Dahinter verbirgt sich die „coole Gleichgültigkeit", die in den 90er Jahren zu einem Mentalitätswechsel führte. Wir haben eine Revolution erlebt, die noch radikaler ist als die 68er Studentenrevolte. Während die 68er noch auf Augenhöhe diskutiert und gestritten haben, sind die Jugendlichen der 90er Jahre in die Beobachterposition gerutscht und haben die ständige Aufgeregtheit und Betroffenheit belächelt. Die Generation fand es einfach "uncool", dass sich ihre Eltern ständig über das Waldsterben, das Wettrüsten oder über Kernkraftwerke aufregten.

Wie wirkt sich diese stille Revolution aus?

Die 90er Jahre Jugendlichen lassen nichts an sich heran. Damit beugen sie Enttäuschungen vor, wollten schmerzliche Erfahrungen verhindern und fühlen sich unverwundbar. Das Leben wird als TV-Programm betrachtet. Alles was mich aufregt, packt oder beunruhigt, zappe ich einfach weg. Man kann sich selbst die schlimmsten Katastrophen und Schicksalsschläge anschauen, ohne dass man emotional beteiligt ist.

Unser Leben ist freier bunter, vielseitiger geworden. Wir haben die Freiheit, das zu tun, was wir wollen. Warum sind wir überfordert?

Wo alles gleich gültig ist, werden unsere Möglichkeiten unüberschaubar. Deshalb scheuen wir jegliche Form von Festlegung, Eingrenzung, Ausrichtung. Wir wollen immer mehr in unser Leben reinpacken, wollen 100 Dinge gleichzeitig tun und uns alle Optionen offen lassen, gleichzeitig können wir mit der Vielfalt der Rollen nicht umgehen.

Zum Beispiel?

Früher war es so, dass sich Frauen ausschließlich um die Familie, Kinder und das Heim kümmerten. Wir haben zwar unsere Einstellung dazu geändert, aber im Unterbewusstsein sind immer noch die alten Bilder vorhanden. Das führt dazu, dass die Frau heute zig verschiedene Rollen auf einmal einnimmt: Sie ist Ehefrau, Mutter, gute Freundin, Geliebte, sie ist im Beruf erfolgreich, muss sich gleichzeitig aber auch weiterbilden, sie soll immer erotisch anziehend bleiben etc. Das heißt, dass die normale Frau heute unzähligen Ansprüchen genügen muss. Immer mehr Frauen fühlen sich überfordert. Sie rattern sich ab wie im Hamsterrad und sie sind ständig gepeinigt von dem schlechten Gewissen, dass sie den Ansprüchen, die wir heute perfekt erfüllen müssen, nicht gerecht wird.


Klingt so, als ob wir ständig ein schlechtes Gewissen haben?

Unser schlechtes Gewissen ist zu einer Art Grundrauschen und damit inflationär geworden. Das liegt einfach daran, dass wir immer häufiger das Gefühl haben, etwas falsch zu machen, etwas vergessen oder eine Aufgabe nicht perfekt erfüllt zu haben. Außerdem machen wir anderen unbewusst gerne ein schlechtes Gewissen, weil wir uns dann nicht mit den eigenen Problemen auseinandersetzen müssen. Es entsteht dadurch ein Klima des Vorwurfs, der Enttäuschungen und Sticheleien. Die vielen kleinen Streitigkeiten am Arbeitsplatz oder in der Partnerschaft führen aber nie zu einer Lösung.

Wir streiten uns zwar über viele kleine Dinge, aber wo ist in Deutschland die Streitkultur geblieben?

Wenn alles möglich ist, gibt es keinen Grund zu streiten. Wir erklären alles für gültig. Wir wollen zwar die ganze Welt bewegen, drücken uns aber vor der Verantwortung und bleiben cool und abgehoben. Wir kämpfen nicht entschieden für eine Sache. Das führt leider dazu, dass wir ständig in kleinen Streitereien verwickelt. Wenn man Sabine Christiansen betrachtet sieht man es: Das snd die Talk-Gäste ständig im Gezänk, aber es bewegt sich dadurch nichts. Das Interessante ist, dass die Zuschauer nach der Talk-Show nicht mehr wissen, wer welche Position vertreten hat.

Und die Lösung?

Wir müssen eine Wende schaffen, um die inflationären Streitereien, die ständig durch das schlechte Gewissen entfacht werden, zur einer wirklichen Streitkultur verändern. Die Fragen, die im Raum stehen: Wofür steht Deutschland? Wohin wollen wir uns entwickeln?

Nach dem düsteren Bild des Stillstands, stellt sich die Frage: Wie schaffen wir in Deutschland eine Aufbruchstimmung?

Wir brauchen eine Vision, ein Leitbild, um uns zu bewegen. Da steht uns aber unsere Nazi-Vergangenheit im Wege und damit das Verbot:“ Von deutschen Boden darf nie mehr eine visionäre Kraft ausgehen!“ Sobald die Deutschen leidenschaftlich für ein Bild kämpfen, tabuisieren wir sofort unsere Visionen und Ziele. Wir schließen uns dann lieber Visionen an, die eigentlich harmlos sind, aber trotzdem ein Allmachtsanspruch behaupten.

Eine harmlose Vision. Was meinen Sie damit?

Wir wollen ein ewiges Leben führen, wollen nicht altern, wir wollen keine Risiken auf uns nehmen, wollen eine Vollkaskoabsicherung haben und wir erliegen den virtuellen Schöpfungswahn und wollen den körperlichen oder seelischen Zustand einfach umoperieren. Unser unbewusster Traum wird von der Vorstellung gelenkt, dass wir unser Leben als Ganzjahreskarneval feiern, ohne Schuld, ohne Risiko und ohne Schicksal. Dieses Bild führt wiederum dazu, dass es für uns eine ungeheuere Einschränkung bedeutet, sich auf ein Ziel auszurichten. Für dieses Ziel auch noch was zu tun und dann auch noch Gefahr zu laufen, dass das Ziele scheitern könnte oder wir uns aufreiben oder wir hinterher furchtbar enttäuscht sind, weil wir dieses Ziel nicht gepackt haben. Wir haben im Moment keine Visionen: Den Aufbruch schaffen wir nur, wenn wir ein konkretes Leitbild entwickeln. Dazu müssen wir aber den Traum vom Paradies aufgeben.


Das letzte Kapitel in Ihrem Buch ist mit dem Titel „Mut zum wirklichen Leben“ überschrieben. Wie finden wir zu einem erfüllten Leben zurück?

Wir versuchen uns ständig kreativ anzureichern, indem wir in jeder freien Minute in die unendlichen Weiten des Internets abtauchen, uns von dem Medien berieseln lassen und in dem wir mit unserem Blueberry auch unterwegs ständig erreichbar sind. Also bombardieren wir uns mit einem Informationsdauerfeuer, aber die Impulse führen nicht dazu, dass wir uns besinnen oder kreativ werden. Also: Raus aus der Diktatur der Besinnungslosigkeit, Leerstellen zulassen, Angrenzungen hinnehmen, raus aus der Perfektion und des Funktionierens. Das Unvollkommene ist ein Entwicklungsprinzip - Perfektionsansprüche lähmen uns.

Aber alle wollen perfekt sein...

Der Mensch ist ein behindertes Kunstwerk. Wir müssen uns einfach wieder eingestehen, dass wir auch im 21. Jahrhundert schwach, widersprüchlich und unvollkommen sind, denn die totale Vollkommenheit ist nur ein Illusion, ein Trugbild, das uns in die Erschöpfung treibt.

Und was kann der Einzelne tun, um wieder für sich einen Sinn zu entdecken?

Wir führen einen unerfüllten Kreuzzug gegen die Langeweile. Wir haben Angst vor der Ruhe, weil dann die ganze Problematik der ungelösten Fragen auf uns einstürzt. Wir müssen produktive Leerstellen zulassen und Muße aushalten.
Wir können den neurotischen Stillstand in unserer Gesellschaft aufbrechen, indem wir uns wieder beherzt auf die Risiken des Schicksals einlassen.

Interview vom 4. März 2006



Stephan Grünewald

rheingold
www.rheingold-online.de
Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen
GmbH & Co. KG

Kaiser-Wilhelm-Ring 46
50672 Köln
Fon: 0221/912 777-00



Deutschand auf der Couch
Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft
Stephan Grünewald












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