Der Rezensent im Zeitalter des Schwarms
Sieben subjektive Thesen und eine Einladung zum Lunch
Wir nehmen den Mund ganz schön voll: "Die 100 besten Wirtschaftsbücher aller Zeiten" heißt das Buch, in dem ich mit den drei Rezensenten-Kollegen Jack Covert, Tod Sattersten und Peter Felixberger eine Auswahl der besten Wirtschaftsliteratur präsentiere. "Das ist doch subjektiv" kriege ich seitdem immer wieder zu hören. Worauf mir keine andere Antwort einfällt als "was denn sonst?".
Der Subjektivitätsvorwurf bei unserem Buch "Die besten Wirtschaftsbücher aller Zeiten" wird gespeist vom Schwärmen für den Schwarm. Die Weisheit der Vielen ist der letzte Schrei, der Experte, so heißt es, ist die Masse und die hat immer Recht. Wir als Rezensenten stehen auf der anderen Seite. Unsere Wahrheit heißt: "Ich bin der Experte." Und wir können auch sagen, warum das so ist. Völlig subjektiv natürlich.
1. Die Vielen sind vielleicht die Anderen
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass bei Onlinebewertungen die Extreme überrepräsentiert sind. Einerseits die Enthusiasten, andererseits die radikalen Kritiker. Die (breite) Mitte beschäftigt sich lieber anderweitig. Einen empirischen Beleg für diese These lieferten gerade die Baden-Württemberger. Nachdem die Stuttgart21-Gegner als Web 2.0 Bewegung für Furore sorgten, zeigte jetzt eine aufwändige Volksabstimmung, wo sich "das Volk" bei den Demonstrationen tatsächlich befand – daheim auf dem Sofa.
2. Die Vielen sind oft viel zuwenig
Jeff Bezos gelang mit den Kundenrezensionen auf amazon sicherlich ein großer Marketing-Coup – er delegierte die mühsame Bewertung und Beschreibung seiner Ware einfach an die Kunden, die das, aus welchen Gründen auch immer, gerne kostenlos erledigen. Sieht man sich die Sache aber genauer an, so bemerkt man schnell, dass bis auf einige Ausreißer selbst Bestseller nur mit Mühe von ein paar Dutzend Kunden kommentiert werden. Und all die anderen Millionen Bücher mit ihren null bis drei Kundenbewertungen? Als Sozialforscher habe ich gelernt: unter n=30 wird es eng.
3. Die Vielen reduzieren die Vielfalt
… "Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: "das Publikum will es so!"
Jeder Filmfritze sagt: "Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!"
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
"Gute Bücher gehn eben nicht!""An das Publikum" nannte Kurt Tucholsky seine Kritik an der Bestselleritis. Und die ist letztlich nichts anderes, als das Ergebnis von Schwarmverhalten. Wer sich nur daran orientiert, reduziert zwangsläufig die Vielfalt.
4. Die Vielen haben nicht unbedingt Geschmack
"Ich glaube, dass ein Kilo Rindfleisch eine gute Suppe gibt, sonst glaube ich nix!" Mehr als dieses Glaubensbekenntnis eines Atheisten hatte ich nicht zur Hand, als ich mich dran machte, eine Rindfleischsuppe zu kochen. Also gegoogelt und entsetzt festgestellt, dass unter den ersten Rezepten (der Schwarm hinterließ einige tausend "Hits") mehrfach Tütensuppe rangierte. Also "Bayerisches Kochbuch" aus dem Regal genommen und Tablet in die Ecke gepfeffert. Wohl wissend, dass meine Aktion dem Suppenpfuscher natürlich noch mehr Auftrieb gegeben hat (im übrigen habe ich nichts gegen Tütensuppen, außer in einer Rezeptsammlung).
5. Die Vielen haben keine Namen
Wie heißen die zwölf, die das Hotel auf Malle zum Abschuss frei geben, was haben sie bezahlt, was erwartet? Wer ist "Kurt", der für das grottenschlechte Buch eines grottenschlechten Autors eine holperige Lobeshymne textet (Kumpelrezension)? Und die zwei anderen Abkürzungen, die genau das gleiche tun? Der Schwarm hat keine Namen. In seiner witzigen Form nutzt er das als Flashmob (falls es sich nicht gerade um eine Werbeveranstaltung handelt). Aber namenlos zu sein ist nicht nur das Zeichen des Flashmobs. Es ist auch das Zeichen des Mobs.
6. Die Vielen sind viel zu nervös
Soldaten gehen nie im Gleichschritt über eine Brücke. Sie könnte ins Schwingen geraten und einstürzen. Solche Effekte werden durch die Schwarmintelligenz geradezu heraufbeschworen. "Ich habe gehört, die Bank ist pleite!" Schon geht der Run los, der genau zu dem Ergebnis führt, das man verhindern will. Das Geld ist weg. Die an die neuen Medien Angeschlossenen bringen eine neue Nervosität in die Politik und in die Wirtschaft. Beide Systeme werden sich daran gewöhnen müssen, für die nervösen Vielen immer genug Baldrian parat zu haben (siehe Merkel und Steinbrück 2008). Durch die vielen Rückkoppelungseffekte und Verstärker kann eine Krisenwarnung genau die Krise auslösen, vor der sie warnt.
7. Mit den Vielen kann man nicht essen gehen
Der wohl deutlichste Vorzug eines Rezensenten gegenüber der Weisheit der Vielen aber ist, dass man mit ihm essen gehen kann.
Inhalt der Wundertüte: Sie erhalten ein Exemplar des Buches "Die 100 besten Wirtschaftsbücher aller Zeiten" und ich lade Sie ein, mit mir zu reden, zu diskutieren und uns kennenzulernen.
Termin: Donnerstag, dem 8. Dezember um 13:00 Uhr
Ort: Ganghofer 68 in München (Ganghoferstraße 68).
Kontaktdaten: Wolfgang Hanfstein, Managementbuch.de hier...
(Wolfgang Hanfstein)
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Tags:- Wolfgang Hanfstein
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Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Wolfgang Hanfstein
Bild Nr. 2 © Verlag
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