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30.08.2011  08:05 Uhr

Neues Buch von Sherry Turkle
Zusammen allein: Vereinsamung im Web?

Das Web bestimmt unsere Kommunikation: Viele können nicht mehr ohne SMS, Twitter, Facebook und Co. leben. In in ihrem Buch"Alone Together" gibt die MIT-Professorin Sherry Turkle Einblicke in eine Zeit, in der die Technologie die Art unserer Beziehungen neu programmiert.

BUCHEMPFEHLUNG:

In- und ausserhalb von Organisationen brauchen Menschen Spielregeln zur digitalen Kommunikation. Nachdem Sherry Turkle 1995 in "Life on the Screen" noch eine optimistische Einschätzung über unser befreiendes Spiel mit verschiedenen Identitäten im digitalen Zeitalter gegeben hatte, beschreibt sie heute das Internet als dominiert von Unternehmen, die uns erfolgreich dazu verführen, ständig irgendwelche Nachrichten auf die Touchscreens unserer Mobiltelefone zu tippen, nur damit wir uns «verbunden» glauben.

Dazu beglücken Arbeitgeber uns mit iPads & iPhones, ohne entlastende Guidelines zum angemessenen Gebrauch mitzuliefern. Mit der Beschleunigung der technologischen Entwicklung kommen menschliche Kommunikationsgewohnheiten indes kaum mehr mit. Wir vergessen gerne, dass Facebook seit 2004 und Twitter erst seit 2006 allgemein
zugänglich sind. Mitunter gleichen wir Piloten im Kommunikationsraum, die mit Verkehrsmaschinen zum Überschallflug ansetzen. Dabei ist das Design unserer Mediennutzung ungeeignet. Zwar gab es angeblich Piloten, die vor der Erfindung der Jet-Form mit ‘normalem’ Fluggerät die Schallmauer durchbrochen haben. Nur musste damals zwangsläufig im Sturzflug unterwegs sein, wer schneller als das eigene Wort reisen wollte...

Morgens als Erstes die Mails checken 

Gilt Ihr erster Blick am Morgen dem iPhone – und der letzte auch? Halten Sie an dieser Routine fest, obwohl Ihnen schon lange bewusst ist, wie ungeeignet die Auseinandersetzung mit neuen Informationen zum Einstieg und Ausklang eines Tages ist? Ich erzählte einer Freundin davon. Da gesteht mir die über Siebzigjährige, sie habe zwar zeitlebens den Tag mit einer Bibelmeditation begonnen, doch heute sei der Verzicht auf ein ‹vorzeitiges› Öffnen ihrer Mailbox jener Teil der Andacht, für den sie immer mehr Disziplin benötige – und, ja, auch ihr letzter Blick am Abend gelte dem Mailverkehr.»

Diese Geschichte einer Patientin steht in Turkles neuem Buch "Alone Together". Doch sie könnte aus dem Leben von jedem von uns stammen."Alone Together" ist ein Buch über neue Formen der Vereinsamung.

Gemeinsam einsam

Gemeinsam einsam sind wir alle, wenn wir jede vormals freie Minute und alle Kanäle der Kommunikation dafür einsetzen, um «in Kontakt» zu bleiben. Schleichend, aber sicher verändern sich dadurch unsere Beziehungen. Turkle ist einem gesellschaftlichen Phänomen auf der Spur, das interessanterweise einmal nicht von den "Digital Natives", den nach der digitalen Revolution Geborenen, ausgeht.

Mentale Abwesenheit der Eltern

Gerade die Kinder und Jugendlichen, so Turkle, litten unter der zunehmenden mentalen Abwesenheit ihrer Eltern. Von Kindesbeinen an haben diese Teenager und Twens die Technologie als Synonym für eine geteilte Aufmerksamkeit ihnen gegenüber erlebt: Die Eltern nutzten immer regelmässiger ihre Blackberrys und iPhones bei Tisch, im Auto und vor dem Fernseher. Selbstverständlich bekamen die Kleinen auch Gameboys und Smartphones. Allerdings wünschten sich viele der von Turkle befragten Kinder, dass ihre Eltern ein Verbot für diese Gadgets aussprechen würden. «Die Erwachsenen bauen allerdings auf die abwegige Annahme», erklärt Turkle, «dass ein  Einverständnis für den eigenen Gebrauch von Smartphones vorliegt, wenn die Kinder ebenfalls mit Geräten beschäftigt sind.»

Ungeteilte Aufmerksamkeit -  ein kostbares Gut

Früher las der Vater vielleicht eine Zeitschrift, während das Fernsehprogramm lief – und war jedenfalls ansprechbar. Heute ist das unklarer: Beantwortet er auf dem Sofa Mails? Schreibt er eine Offerte fürs Geschäft? Chattet er gerade? Damit wächst für die Kinder der Aufwand zum Kontakt, sie wissen ja nicht, wobei sie den Vater stören würden. Die
ungeteilte Aufmerksamkeit eines Gegenübers wird zum kostbaren Gut.

Telefonate zu emotional?

Vielen jungen Menschen, schreibt Turkle, komme heute bereits die Intimität eines Telefongesprächs bedrohlich vor: Warum genüge keine Textnachricht?  Man höre doch in der Stimme verborgene Emotionen, müsse plötzlich eintretende Stille verhindern, unmittelbar präsent sein und habe ohnehin verlernt, ein Gespräch zu beenden. «Ich benutze mein Telefon nicht mehr für Anrufe», sagt eine Dreizehnjährige.

«Textnachrichten ermöglichen das richtige Mass an Kontrolle. SMS und Instant Messages erlauben mir, mit einer grossen Zahl von Menschen in Kontakt zu sein und sie mir gleichzeitig vom Leib zu halten. Mit Textnachrichten kann ich antworten, wann ich will, ich kann auch Nachrichten ignorieren. So kontrolliere ich das Gespräch und behalte vor allem Kontrolle darüber, was ich sage.»

Süchtig nach Facebook

48 Prozent der 18- bis 34-jährigen Amerikaner prüfen als Erstes nach dem Aufwachen ihr Facebook-Konto. 57 Prozent pflegen längere Online-Kontakte als Gespräche im wirklichen Leben. 48 Prozent hören wichtige Nachrichten zuerst auf Facebook. In "Alone Together" gelingt es Sherry Turkle, diese Zahlen in präzisen Alltagsbildern zum Leben zu erwecken. Dabei macht sie für uns alle bereits allzu vertraut Gewordenes sichtbar, manchmal auch
Unbehagliches, das für viele schon alltäglich wirkt:

Über 100 Nachrichten

«Ich befrage den Sechzehnjährigen Sanjay zwischen zwei Schulstunden. Am Schluss unseres Gesprächs stellt er sein Mobiltelefon wieder an, und sein Blick wirkt leicht beschämt: Er hat während unserer Unterhaltung über hundert Nachrichten erhalten. Einige von seiner Freundin, die einen ‹Nervenzusammenbruch›  erlitten hat, andere betreffen die Organisation eines kleinen Konzerts. Man spürt den Druck, der auf Sanjay lastet, sofort antworten zu müssen. Er geht mit seinen Büchern und dem Laptop unterm Arm los, um sich einen ruhigen Ort zum Antworten zu suchen. Während Sanjay sich verabschiedet, sagt er, nicht unbedingt an mich gewandt, eher vor sich hin murmelnd: ‹Ich kann mir nicht vorstellen, das immer noch zu tun, wenn ich einmal älter bin.› Und leiser: ‹Wie lange muss ich das noch so mitmachen?›»

Dieser Text basiert auf Jo Maier (2011) "Auf der Coach mit Sherry Turkle"  In: DU
4/2011
.


 

(Dr. Joachim Maier)

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Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Jo Maier

 

 


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