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01.04.2011  09:10 Uhr

Prof. Manfred Spitzer
Was bedeutet Hirnforschung für Unternehmen?

Viele Firmenchefs haben erkannt, dass sich die Erkenntnisse der Hirnforschung auf Unternehmen und die Mitarbeiter übertragen lassen. Aber wie? Wolff Horbach hat Prof. Manfred Spitzer interviewt.

Was bedeutet Hirnforschung für Unternehmen? Was sollte ein Unternehmen tun, um die Ergebnisse der Hirnforschung zu nutzen?

Manfred Spitzer: Ich glaube, das ist auf jeder Ebene möglich und auch notwendig. Wenn man weiß, wie das Gehirn funktioniert, dann weiß man, was Menschen bewegt. Und wenn man das weiß, kann man besser mit sich und anderen umgehen.

Ein Beispiel: Wir Menschen sind definitiv nicht „Wolf unter Wölfen“, wie das Sigmund Freud noch vor hundert Jahren gesagt hat. Eines der schönen Ergebnisse der Neurowissenschaft ist, dass Menschen ein natürliches Bedürfnis nach Fairness und Ausgleich haben. Sie möchten sich schon hervorheben, aber sie möchten auch fair behandelt werden. Dieses Bedürfnis übertrifft vieles andere. Dabei geht es keineswegs nur darum, dass man sie beispielsweise für ihre Arbeit angemessen entlohnt. Menschen möchten ebenso, dass man eine Wertschätzung ihnen gegenüber zeigt.

Wenn man weiß, wie im Gehirn die Dinge modular aufgebaut und extrem vernetzt sind, dann ist eben klar, dass der Gedanke „Geld“ Bahnungseffekte hervorruft, die letztlich dissoziales Verhalten begünstigen. Wenn Versuchspersonen beispielsweise einfach nur ein Bild von Geldscheinen sehen oder wenn man über Geld redet und dann die Leute fragt, ob sie lieber alleine oder in der Gruppe in Urlaub gehen, dann gehen sie lieber alleine in Urlaub. Einfach nur weil das Denken an Geld letztlich antisoziale Einstellungen begünstigt. Wer das weiß, der spricht nicht über Geld, wenn es um die Anbahnung einer vertrauensvollen Beziehung geht.

Das ist nur ein Beispiel von einer großen Anzahl wichtiger Erkenntnissen aus der Gehirnforschung. Wer diese nicht berücksichtigt, macht Fehler. Das muss nicht sein!

Manfred Spitzer: Wenn schon einfache Symbole und Signale enorme Bahnungseffekte auslösen und Handlungen nach sich ziehen, bedeutet das doch, dass in Unternehmen wahnsinnig viel geändert werden müsste?!

Ganz sicher. Für mich persönlich heißt das vor allem, dass in Schulen und Kindergarten ganz viel verändert werden muss. Dass kommt dann den Unternehmen indirekt zu Gute. Denn wir verschleudern heute Gehirnkapazität in einer ungeheueren Dimension. Dass ist den meisten Menschen gar nicht klar.

Ein Beispiel: Viele Menschen glauben, sie könnten mehrere Dinge gleichzeitig tun, obwohl wir wissen, dass dies gar nicht geht. Alleine durch solches „Mulittasken“ werden nach amerikanischen Schätzungen 650 Milliarden Dollar jährlich verschwendet. Nur weil die Menschen andauernd alles mögliche machen – oder es zumindest versuchen – und deswegen weniger optimiert mit ihren geistigen Ressourcen umgehen. Sie werden letztlich dauernd beim Arbeiten gestört und gewöhnen sich nachweislich einen ineffektiven Denkstil an. Wenn man sich überlegt, was das unter dem Strich bedeutet, so ist das jede Menge Produktivitätsverlust für die Firmen. Das sollte eigentlich nicht sein. Das sollte man wissen.

Jetzt habe ich als Unternehmer oder Manager erkannt: Hirnforschung ist sehr interessant. Wenn ich die Ergebnisse kenne, kann ich daraus jede Menge Nutzen ziehen. Wie gehe ich denn jetzt am besten vor, um das zu lernen?

Manfred Spitzer: Nun, die beste Art eine Wissenschaft zu lernen, ist sie zu tun. Das ist das eine. Es gibt keinen 5-Minuten-Crashkurs Hirnforschung und dann auch noch die Anwendung fürs Leben. So einfach ist die Welt ja nie. D.h. natürlich braucht man ein gerütteltes Maß Interesse und man braucht auch den richtigen Einführungsfaden.

Viele Forscher – auch Gehirnforscher – verkaufen die Gehirnforschung als etwas, dass so kompliziert ist, das es nicht mal die Wissenschaftler selbst verstehen. Ich denke, wichtig ist erst mal, den Wald vor lauter Bäumen immer noch zu sehen. Dann kann man sich von einzelnen Dingen, die interessant sind, langsam vortasten.

Es geht jetzt nicht darum, das Gehirn in fünf Minuten oder einem Workshop-Wochenende zu erkennen und dann das ganze Leben umzukrempeln. Sonders es geht darum, zu erkennen, wie zum Beispiel Emotionen und Lernen zusammen hängen. Was Motivation eigentlich ist, wie wir sozusagen eigentlich lernen. Was Menschen wirklich umtreibt, wie Vertrauensbildung funktioniert, usw.

Wenn man sich über die verschiedenen Fäden der Materie “Gehirn“ nähert, dann wird es spannend genug. Wenn man erfährt, wie man von den Erkenntnissen persönlich etwas hat, dann macht man auch weiter.

[Anmerkung: Beim Sender BR alpha gibt es seit Jahren mit Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer die Sendereihe „http://www.br-online.de/br-alpha/geist-und-gehirn/geist-und-gehirn-manfred-spitzer-gehirnforschung-ID1213783033707.xml<>Geist & Gehirn<>“. In der Videothek stehen mehr als 150 Videos zu dem Thema zur Verfügung, die Schritt für Schritt in die Materie einführen.

Was hat Sie als Hirnforscher selbst am meisten überrascht bei Ihren Forschungen? Womit hätten Sie nicht gerechnet?

Manfred Spitzer: Ich hätte noch vor fünf Jahren nicht damit gerechnet, wie unglaublich eng verbunden Lernprozesse und Glücksprozesse sind. Wir haben heute verstanden, dass unser Glückssystem eigentlich gar nicht unser Glückssystem ist, sondern unser Lernsystem.

Glück ist, wenn man so will, ein Nebenprodukt. Die Belohnung für eine neue, gute Erfahrung. Deshalb hört es auch auf zu funken, wenn ich schon weiß, wofür etwas da ist. Das treibt mich an, mein Wissen immer mehr zu erweitern.

Wenn man sich das einmal richtig vor Augen führt, wie eng Lernen und Glück zusammenhängen, dann wird auch klar, wie weit wir von lernenden Unternehmen heute noch entfernt sind. Sogar von der lernenden Schule, die wir immer noch als „Ernst des Lebens“ bezeichnen.


 

(Wolff Horbach)

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Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Prof. Manfred Spitzer

 

 


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2 Kommentare »

04.02.11 11:01 Uhr
Beatrice Legien
Geld macht unsozial?!
Das ist ja ein interessanter Hinweis, dass Geld zu unsozialem Verhalten führen kann. Aber ich kann es gut nachvollziehen, welchen starken Einfluss Geld auf unser Sozialverhalten hat. Dann ist auch besser erklärbar, warum die Fähigkeit mit Menschen klar zu kommen nicht gerade zum besten bestellt ist. Zu sehr steht Geld im Vordergrund und die Angst, davon nicht genug zu haben.

Dass Lernen zu Glücksgefühlen führt, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich hatte in meinem Leben eine Zeit, in der zu wenig Neues passierte und ich dann auf die Suche ging, etwas Neues kennen zu lernen. Und seit dem bin ich nur noch damit beschäftigt Neues zu entdecken. Ich fühle mich damit klasse. Also sollte Lernen zu einer unserer Lebensaufgaben werden.
28.04.12 21:39 Uhr
Ingo-Wolf Kittel
Neurohype
Leider gehört der Interviewte, wie seine Antworten auch hier wieder zeigen, zu den teilweise arg forschen(*) Wissenschaftlern, die psychische Leistungen von uns mittlerweile undifferenziert als Hirnleistungen betrachten bzw. "zu" solchen erklären.

Dazu passt, dass dabei z.T. uralte Kenntnisse nicht nur in der Pädagogik, sondern sogar aus der Alltagspsychologie naßforsch als "Erkenntnisse der Hirnforschung" hingestellt werden, obwohl nur die neurophysiologischen Begleitprozesse davon gemeint sind! (Das ist so, wie wenn Muskelphysiologen Tänze, Sportarten, handwerkliche Arbeit, Spazierengehen und alle sonstigen Bewegungen, zu denen wir imstande sind bis hin zum Sprechen und Kopfschütteln zu Leistungen unserer Muskel erklären würden und nicht mehr als Eigenleistungen von uns selbst betrachten würden.)

Der Propaganda-Trick, ein neurophysiologisches Grundlagenfach wie die Hirnforschung wie eine Überwissenschaft erscheinen zu lassen, wird schon seit langem zT. selbst von Neurophysiologen kritisiert.

"Neuromüll" vom wirklich Gehaltvollen zu trennen, ist daher nicht erst eine Forderung von heute (wie etwa hier http://www.hoheluft-magazin.de/2011/11/neuromulltrennung/ dargestellt); neu ist nur, manchen Hirnforschern ein "Gehirn-Übertreibungssyndrom" zu unterstellen und das ausgerechnet in dem Magazin "Gehirn&Geist" (s. http://www.gehirn-und-geist.de/alias/interview/mancher-leidet-am-gehirn-Uebertreibungssyndrom/1144216 ), in dem während des Jahrzehnts seines bisherigen Bestehens selbst viel zu der angeprangerten "Legendenbildung" von der enormen Bedeutung der Hirnforschung beigetragen wurde...
______________
(*) Sigmund Freud hat nie die unsinnige Behauptung aufgestellt, der Mensch sei "Wolf unter Wölfen". Lange vor der Zeitenwende, also vor über zwei Jahrtausenden hat der Römische Komödiendichter Titus Maccius Plautus in bildlicher Ausdrucksweise mal formuliert, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, wenn beide sich nicht kennen! Nicht einmal der Philosoph Thomas Hobbes, durch den die Kurzformel "homo homini lupus" lange vor Freud bekannt geworden ist, hat denjenigen Sinn mit ihr verbunden, der ihr unsachlicher Weise heute unterstellt wird: so die Darstellung der Zusammenhänge in der deutschen Wikipedia hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Homo_homini_lupus
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